PORTRAIT

Dieter Wolf
Vorsitzender des Kunstvereins Köln30
zur Eröffnung der Ausstellung "comic book"
am 17.Oktober 2006 in Köln

Der Maler, Schriftsteller, Filmer Paul Kremp widmet sich seit geraumer Zeit Themen des kleinbürgerlichen Alltags. Besonders in den letzten Jahren trat er mit seinen comicnahen Acrylbildern in Erscheinung. Kremp malt indes keine Comics. Er bedient sich aber der Bildsprache der „Klaren Linie“, maßgeblich geprägt von Hergé (Tim & Struppi). Auch bei Paul Kremp sind die Farben durch schwarze Linien „klar“ von einander getrennt. Das erhöht ihre Wirkung. Davon gibt jedes einzelne Bild Zeugnis.

Selten nur finden sich in den Bildern Farbabstufungen. Neben den klischeeartigen Szenen spießbürgerlicher Alltagsmomente verstärkt Kremp die Wirkung seiner Bilder durch ihre Titel. Kremp zitiert in ihnen vertraute Leerformeln (Zum Beispiel: „Er kann sich stundenlang alleine beschäftigen“). Das forciert die Wirkung seiner Bilder und überhöht die Reflexionen einer skurrilen Nebenwelt.

Angefangen hat alles mit einem Selbstporträt. Paul Kremp setzte etwas ins Bild frei nach dem Motto: „Stell Dich mal da hin.“ Daraus wurde dann mehr, er entwickelte diesen schmerzlichen Gedanken weiter. Es entstand der umfangreiche Bilderzyklus mit dem Titel „Wenn ich einmal Groß bin“. Im Grunde war dies die erste Serie einer adäquaten bildnerische Aufarbeitung der eigenen Kindheit. Das war auch die Zeit, als er „Micky Maus“ und „Fix und Foxi“ las, also die ersten ihn prägenden ästhetischen Bildeindrücke. Da nimmt es nicht wunder, dass Paul Kremp, wenn es um seine Bildsprache ging, die Comic-Bild-Sprache zu seiner eigenen Bildersprache erhob. Er spiegelt seine Kindheit mit den Bildern derselben. Der wesentliche Unterschied zum klassischen Comic: Jedes seiner Bilder erzählt eine eigene Geschichte. Kremp verzichtet auf Bilderfolgen und auf Sprechblasen.

Und weil ihm dieses Prinzip so gut gelang, begann er mit einem weiteren Zyklus. Es entstand die Serie Fernweh“. Es sind Bilder aus der Erwachsenenwelt. „Im Grunde wurden meine Bilder auch erwachsen“, beschreibt Paul Kremp dies nicht ohne einen Schuss Ironie. Überhaupt ist Ironie und Humor ein wichtiges Thema und Stilmittel, im Grunde der Feind der seriösen bildenden Kunst in Deutschland. Aber es ist gerade diese ironische Brechung, die seine plakativen, sehr bunten comicartigen Bilder so reizvoll machen. Wie in der Kunst generell gelten bei ihm Form und Farbe viel, sind aber nicht alles. Kremp ist im Grunde ein Geschichtenerzähler. Da ist es kein Zufall, dass er unter einem Pseudonym auch Romane verfasst.

„Gran Turismo“ ist sein letzter Zyklus in dieser Serie und vielleicht der Abschluss einer Trilogie. In ihm kehrt das Anfangsmotiv von „Wenn ich einmal groß bin“ wieder und korrespondiert mehrschichtig mit der Liebe deutschen Jungen aller Altersstufen zu Autos. Er parodiert das Abbild des klassischen Bildquartetts. Diese neue Variante seines Themas Kindheit spielt besonders abenteuerlich mit Gegenwart und Vergangenheit, mit Realismus und Fiktion. Bei Kremp handelt es sich um eine ganz spezielle Form des Realismus. Durch seine Bilderwelt (Ikonographie) entsteht ein Realismus der Motive (man kann sagen auch Mythen). Sein Realismus ist (durch die „klare Linie“) ein verschärfter Blick auf eben diese kleinbürgerliche Gesellschaft.

Seine gestaltete Gegenständlichkeit gerät aber auch -gewollt oder ungewollt- zur Parodie der aktuellen (grassierenden und höchst populären) figurativen Malerei zwischen Leipzig, Hamburg oder Berlin. Doch dieser neue deutsche Realismus wirkt, das muss man vielfach anmerken, oftmals inhaltsleer. Dies kann man von Kremps „Geschichtsbildern“ nicht sagen.

Vor einem Aspekt seiner Ironie müssen wir uns als Betrachten indes hüten: Überheblichkeit des Betrachters gegenüber dieser „Welt der anderen“ , der Welt der Provinz, der Kleinbürger oder der Spießer ist unangebracht. Denn, wie klingt es in einem Song der Hamburger Band Tocotronic? „Alles was wir hassen / seit dem ersten Tag / wird uns nie mehr verlassen, / weil man es ja irgendwie mag.“

Paul Kremp ist im April 1962 in St. Wendel / Saar geboren.
PAUL KREMPSeit 1982 arbeitet er als freischaffender Künstler. Er ist Filmer, Romanautor und bildender Künstler. Er wurde gefördert durch das Kuratorium junger deutscher Film und Alexander Kluge. Leistete Regie- und Performancearbeiten für ZDF, RTL, NDR, VOX und Buenavista/Disney. Als Autor veröffentlichte er unter Pseudonym die Romane „Alles im Fluss“ und „Heim & Garten“. Bundesweit stellte er seine bildnerischen Werke (ÖL, Aquarell, Mosaik, Acryl) aus.

Kremp lebt und arbeitet in Heidenheim auf der Schwäbischen Alb.