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TITELBILD BESCHREIBUNG
Buchtitel: HEIM UND GARTEN

HEIM UND GARTEN

Roman, 2001

207 Seiten

MSK Verlag, Hamburg

KLAPPENTEXT

In seinem viel beachteten Debut „Alles im Fluss" geriet Aadlons erfolgreicher Werbemann Carl in die Midlife-Krise. „Heim & Garten" erzählt wie es weitergeht: Aadlon erzählt in der für ihn typischen Mischung aus witzigem Plauderton und Suche nach der eigenen Wahrheit die Wiederbegegnung mit den Personen und Orten der Kindheit. Nach einer Reise in die eigene Vergangenheit kehrt Carl der Großstadt den Rücken und zieht aufs Land.

LESEPROBE

Er steht auf der Bühne und hat seinen Text vergessen.
Das gibt's doch nicht.
Normalerweise kann er doch immer aus dem hohlen Bauch raus irgendwas zusammen reimen. Aber jetzt hat es ihm wirklich die Sprache verschlagen. Er schaut einfach geradeaus. Er betrachtet die Lichttraverse und die Scheinwerfer, die daran hängen, die in sanftem Rhythmus die Szene in verschiedene Stimmungen tauchen. Vorne werden grad einer Frau von drei Männern gleichzeitig die Haare geföhnt und in Form gezerrt. Man kann sich kaum vorstellen, wie dabei eine Frisur herauskommen soll, und der Frau fällt es offensichtlich schwer, unter dem silbernen Umhang, dem heissen Luftstrom und den Händen von drei wild gewordenen Tucken zu lächeln. Aber dafür wird sie bezahlt. Also macht sie es so gut es eben geht.

DAZU WALTER FOELSKE:

Ein Roman, den ich sehr liebe, und zwar Nathalie Sarrautes DAS PLANETARIUM, fängt an wie folgt:

Nein, wirklich, man könnte noch so lange suchen, man wÜrde nichts daran auszusetzen finden, es ist tadellos, eine richtige Überraschung, ein Glücksfall, eine vollkommene Harmonie, dieser Samtvorhang, ein sehr dicker Samt, Wollsamt bester Qualität, in einem tiefen Grün, nüchtern und unaufdringlich, und gleichzeitig mit einem warmen, leuchtenden Ton. Eine Augenweide an der beigefarbenen, golden schimmernden Wand. Und diese Wand. Wie gelungen. Man möchte meinen, eine Haut. sie ist so weich wie eine Gamshaut. Man muß immer diese feine Körnung verlangen, die winzigen Narben sind wie Flaum. usw.

Und dann nimm den phantastischen Romananfang bei Aadlon:

Was für eine Art Holz ist das? Sicher irgend etwas ganz teures, wertvolles. Man sieht die Maserung ganz deutlich, scharfe Linien zwischen hell und dunkel. Palisander? Nein, dazu ist die Maserung zu kontrastig. Wenge? Das ist es... Eigentlich ein schöner Tisch. Kommt aber überhaupt nicht zur Geltung. Die ganze Wirkung wird von der Wandvertäfelung aufgefressen. Mit ein paar kleinen Änderungen wäre das hier wirklich hip und loungig. Die Wände weiß, nein, nicht wirklich weiß, aber etwas weniger Gips, mehr Milch vielleicht. Nein, gebrochene Kreide, das wär's... usw.

Im ganzen Roman ist diese Klein- und Feinmalerei, diese Detailbesessenheit, durchgehalten. Kaum je habe ich ein Buch gelesen, in dem das Spektakuläre, das Sensationelle so hintan gestellt ist zu Gunsten einer Betonung des scheinbar Nebensächlichen, zu Gunsten einer sogenannten Unterströmung, die einen sogenannten überbau, wie auch bei der Sarraute überhaupt nicht vermissen läßt, weil das nervöse Hin und Her unter der Oberfläche den eigentlichen Reiz, die tatsächliche Farbenfülle ausmacht.

Im Roman wimmelt es von Nebenpersonen. Alles ist wie ein Geflecht, auf dem die wahre Handlung, die wahren Komödien oder Tragödien, die sogenannten Romanhelden sich aufbauen und zu agieren anheben könnten. Das alles aber gibt es nicht. Was es gibt, das sind Erinnerungen, farbige Leuchtzeichen aus der Vergangenheit, das ist Stillstand, das ist die Hoffnung auf eine hellere Zukunft, ein glücklicheres Miteinander.

Gehabte Beziehungen werden in Nebensätzen abgehandelt, von Liebe wird geschwiegen, Sex hat kaum einen Stellenwert, von Frust und Einsamkeit wird zwar nicht offen geredet, doch das ganze Buch ist, trotz der erstaunlichen Leichtigkeit, mit der es daherkommt, ein Buch der Trauer und Resignation. Nicht weil die Schilderung greller Partys und aufreizender Sinnenlust fehlt, (auf sowas fällt eh keiner mehr rein) sondern weil unter dem Blumenteppich, den sogar der Buchumschlag suggeriert, eine Art stille blasse Landschaft sich verbirgt, die nach allen Seiten hin ins Leere führt. Und dann diese traumhaft präzisen, sich ins Hirn brennenden Sätze: Ein Hund, der allein auf einem stoppligen Feld die Schnauze in die abgeernteten Furchen hängt und dabei so vorsichtig seine Pfoten auf den Boden setzt, als wären die mit Reif überzogenen Halme scharf wie Glassplitter. Oder: (Der kleine Carl) steht dann da mit großem Kopf, Hände in den Taschen, als würde er darin das Leben suchen.

Oder: Der Regen platscht so schnell auf den Asphalt, daß man glauben könnte, Einschlaglöcher zu sehen.

Das alles ist, wie gesagt, große Literatur und für mich die wahre Überraschung in Eurem Herbstprogramm. Nicht zuletzt, weil es erlaubt zu sein scheint, bei manch einer trostlosen Schilderung trostloser Dinge und Verhältnisse dennoch plötzlich schallend herauszulachen, denn Aadlon versteht es meisterhaft, seine Dunkelheiten mit geschmeidigem Witz zu unterlaufen und den Leser, und sei es nur für Augenblicke, freizuboxen. Zwar fehlen die großen Paukenschläge. Dafür rieselt der Sand im Stundenglas. Viel von diesem Rieselgeräusch ist in diesem Buch zu hören. Ich denke, der Autor weiß, welch ein Wurf ihm da gelungen ist und wohin die Wege seiner kommenden Bücher führen sollten.